“Krebs-Angst, so stark strahlt Ihr Handy” titelt heute die BILD-Zeitung. Auf der Titelseite das Röntgenbild eines Schädels, rechtes Auge überlagert von einer großen roten Fläche. Das sind die bösen Strahlen. Reißerisch aufgemacht wird eine “Risiko-Liste” mit SAR-Werten abgedruckt, natürlich passenderweise auf Seite 13, Eigenleistung in Sachen Recherche = null. Dabei wird zudem wieder einmal völlig ignoriert, dass die SAR nur einer mehrerer Anhaltspunkte zur Beurteilung potenzieller Schädlichkeit eines Mobiltelefons ist. Wer nicht zusätzlich die Qualität des Senders/Empfängers betrachtet sowie sein Telefonierverhalten überdenkt, der wird durch den SAR-Hype schlicht und einfach eingelullt. Niedrige SAR = unbedenklich, diese Formel greift einfach zu kurz, darüber haben wir bei connect schon oft genug berichtet. Übrigens: Zahlreiche Vergleichstabellen zu SAR-Werten, die sich so im Web tummeln, sind inkonsistent, weil nicht vergleichbare Messungen aus unterschiedlichen Messreihen nach nicht einheitlichen Standards munter durcheinandergewürfelt wurden. Entsprechende Sites mit Vergleichslisten leisten selbst nichts – außer PIs auf Basis fremder Arbeit anzuhäufen.
Das einseitige Abheben auf die SAR mag man BILD noch verzeihen, denn um es differenzierter zu sehen braucht’s etwas Fachkenntnis. Doch das Fass zum Überlaufen bringt, dass es selbst mit extern eingeholter Expertise nicht geklappt hat. Bei BILD kommt nämlich ein Experte (!) vom Bayerischen Landesamt für Umwelt zu Wort, der unter anderem zum Besten gibt: “UMTS-Handys haben 99 Prozent weniger Strahlung”. Sorry, liebe Kollegen im Boulevard, aber irgendjemand in Eurem Laden hat hier bei der Plausibilitätsprüfung 99 Prozent seiner Leistung vermissen lassen. Wie kommt solcher Unfug durch so eine große Redaktion bis aufs Papier? Und lieber Dr. Heinrich E. (63) vom Bayerischen Landesamt für Umwelt: Mich erinnert diese Aussage irgendwie an die Stoiber-Rede über den Münchener Flughafen. Eins ist klar: In einem vollen Maßkrug versenkt strahlt das Handy nicht mehr.
Bezug nimmt die üblicherweise (bei weniger komplizierten oder “exklusiven” Themen) doch ganz aktuelle BILD auf die gestern unter anderem von der Süddeutschen Zeitung zitierte und ausgelegte Studie der finnischen Strahlenschutzkommission. Schon gestern war die Interpretation durch unterschiedliche Medien im Tagesverlauf interessant: Behauptete die Süddeutsche “Handys können Krebs auslösen”, so titelte Spiegel Online daraufhin “Handys sorgen nicht für Krebs, aber für Schlagzeilen”. Immer mehr scheint das Thema Gegenstand “politischer” Berichterstattung zu sein. Je nach persönlichem Gusto lässt der veranwtortliche Redakteur das Angstpendel extrem in die eine oder eben in die andere Richtung schwingen. Die Süddeutsche pendelt zum Angstpol, SPON zur hemdsärmeligen Macht-schon-nichts-Haltung. Da kann sich der Leser ja gleich bei den entsprechenden Lobbys informieren.
Weitere interessante Details zu der heutigen BILD-Story finden sich auf bildblog.de, herzlichen Dank dorthin auch für die Genehmigung zur Verwendung des Ausrisses aus der Original-BILD von heute.
Um zur Versachlichung der Diskussion beizutragen bietet connect einen Ratgeber mit allen Werten und Informationen bis 8. Februar gratis (für Kollegen gerne auch danach – einfach mich ansprechen).