Die Mobilfunkbranche steht vor den größten Veränderungen seit der Einführung von Kamera und Farbdisplay. Keinesfalls geringer werden die Auswirkungen der Einführung der neuen Plattform "Android" Ende 2008 sein, für die Google zahlreiche wichtige Unternehmen aus dem Mobilfunkmarkt zur Zusammenarbeit in der Open Handset Alliance gewonnen hat. Erinnern Sie sich? "Windows kommt aufs Handy" – die große Schlagzeile vor drei Jahren. Doch was Microsoft nicht geglückt ist, sich als ebenbürtiger Wettbewerber neben Symbian zu etablieren, wird aller Voraussicht nach nun Google gelingen.
Der oft angestellte Vergleich mit dem iPhone dagegen hinkt nicht nur wegen der viel größeren Tragweite des neuen Handy-Betriebssystems von Google, das im Gegensatz zum iPhone auf zahlreichen Gerätefamilien vieler Hersteller laufen wird. iPhone und "Android" könnten auch philosophisch betrachtet gegenteiliger nicht sein:
Während Apple alles über erlaubte Anwendungen auf dem iPhone bis hin zu den Tarifen regelt, setzt Google auf Open Source und größtmögliche Flexibilität für alle Teilnehmer an der Wertschöpfungskette. Welche Anwendungen auf einem Google-Phone laufen, wie sie mit Social Networks und anderen Datenbanken im Internet zusammenarbeiten und natürlich auch wie die ganze Sache tarifiert wird – Google ist es egal. Und das ist gut so. Für den Kunden, der größtmögliche Wahlfreiheit hat und sein Endgerät nach eigenen Wünschen konfigurieren kann. Für den Netzbetreiber, die viel einfacher als bisher den Funktionsumfang vermarkteter Endgeräte feintunen und damit auch leichter neue Applikationen testen, einführen oder wieder verwerfen kann. Auf den Datenschutzaspekt des wachsenden Einflusses von Google auf die Mobilfunkbranche gehe ich hier nicht weiter ein, außer mit einem unterhaltsamen Lesezeichen.
Analyst Charles Golvin von Forrester vertritt die Meinung, dass "Android" einen langen Weg vor sich habe und vom Goodwill der Netzbetreiber abhängig sei. Klar wird die Markteinführung eine Weile dauern und vor 2009/10 keine entscheidende Wirkung entfalten. Dennoch: Ich bin überzeugt von der unumkehrbaren Entwicklung hin zum offenen Internet auf mobilen Endgeräten. Kaum wahrscheinlich, dass eine restriktive Vermarktungspolitik wie beim iPhone mit hohem Gerätepreis, starren Restriktionen in Sachen Software plus unattraktivem Tarif künftig die Regel ist. Hier werden momentan einfach systematisch Early Adopters zur Kasse gebeten, was in der Branche seit Jahren Tradition ist. Massenmarkttauglich ist das nicht. Sehr wohl wird dies aber eine breite Auswahl an Endgeräten jeder Preisklasse sein, die eines gemeinsam haben: mobiles Internet wie schon vor Jahren vergeblich versprochen, "Mobile 2.0". Windows Mobile und Symbian erhalten nun endlich einen Konkurrenten, der richtig Dampf macht.
Google hat meines Erachtens den Grundstein für seine künftige Dominanz im mobilen Internet gelegt. "Android" und das vor wenigen Tagen präsentierte "Open Social" gehen dabei Hand in Hand und zielen bereits heute auf eine vielleicht in gar nicht allzu weiter Zukunft liegende Welt, in der Mobiltelefone der Dreh- und Angelpunkt sozialer Netzwerke und persönlichen Wissensmanagements sind – ganz wie von Tim Berners-Lee prognostiziert. Die mobile Wertschöpfungskette wird sich mehr und mehr jener angleichen, die wir heute aus dem Web kennen: Viele Firmen arbeiten zusammen auf Basis offener Standards und verdienen dabei ein bisschen. Im Zentrum jedoch das große G, ohne das nichts geht.
Besonders trefflich formuliert es ein Kommentar in blogoscoped.com:
"I can’t believe it. It’s great!
Instead of going to the market, they are making the market go to them!"
Twitter links powered by Tweet This v1.6.1, a WordPress plugin for Twitter.
Discussion
View Comments for “Das Windows für Handys – von Google…”