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Die Mär vom “Bundestrojaner für das Handy”

Wie entsteht ein heißes Thema? Ganz einfach: wenn Online-Medien voneinander abschreiben, die Nachricht peu a peu etwas verändern und verschärfen, und das so lange, bis eine interessante Story daraus geworden ist. Gestatten: der Bundestrojaner fürs Handy – powered by German Blogoshpere.

Immer häufiger fällt mir in jüngster Zeit auf, wie im Internet aus Gerüchten oder Fehlinterpretationen Wahrheit zementiert wird. Blogs und klassische Medien nehmen sich da nicht viel und müssen sich gleichermaßen selbstreferenzielle Fehlleistungen ankreiden lassen.

Beispiel heute: die von netzpolitik.org enthüllten Details (PDF1, PDF2) über den Bundestrojaner, die in der Tat sehr aufschlussreich sind und unter anderem von Spiegel Online mundgerecht aufgeteilt und zusammengefasst wurden – samt der heute verständlicherweise folgenden Kritik. In diesem Kontext beleuchtet Autor Konrad Lischka auch die Frage, welche Geräte in Zukunft potenziell Ziel einer Remote Forensic Software (aka Bundestrojaner) sein könnten, weil sie unter die Definition "informationstechnisches System" fallen, die von den Beamten bewusst weit gefasst wurde. Und er zitiert richtig: Ja, auch auch "Mobilgeräte wie Handys, Smartphones, Blackberries" fallen unter diese Definition.

Oder mit den Worten von netzpolitik.org: "Damit ist jetzt klar: Die Bundesregierung möchte auch zukünftige vernetzte Kühlschränke mit der Online-Durchsuchung besuchen können."

Niemand käme deshalb auf die Idee, deshalb gleich den Kühlschrank-Trojaner zu erfinden. (Nachtrag: doch!)

Aber bei Handys ist das anders: ein Handy-Bundestrojaner, das wäre doch mal eine aufregende Sache. Zwar gibt die ursprüngliche Quelle dies gar nicht her, aber macht ja nichts. Denn jetzt kommt die Blogosphäre ins Spiel. Plötzlich wird aus einer reinen Definitionsfrage, nämlich der Frage "Gehören Handys und Smartphones zur Definition informationstechnischer Systeme im Sinne des Bundesministeriums des Innern?" eine ganz andere Aussage: Der Handy-Bundestrojaner steht vor der Tür. Einige Beispiele:

Dabei heißt es in der Antwort des Bundesinnenministeriums lediglich:

"Der Begriff ‘informationstechnisches System’ wurde bewusst weit gewählt, um der derzeitigen und zukünftigen technischen Entwicklung Rechnung zu tragen. Hierunter wird ein System verstanden, welches aus Hard- und Software sowie aus Daten besteht und das der Erfassung, Speicherung, Verarbeitung, Übertragung und Anzeige von Informationen und Daten dient. Somit sind die aufgezählten Beispiele ebenfalls umfasst."

Man beachte: Zwar sind auch Handys und Smartphones „informationstechnische Systeme“ im Sinne des Innenministeriums. Aber keinesfalls hat die Behörde behauptet, dass "der Bundestrojaner Handys ausspionieren kann". Dennoch gewinnt, wer sich im Internet heute zu dem Thema informiert, den Eindruck, dass dem so sei, dass mithin ein Handy-Bundestrojaner direkt vor dem Einsatz stehe. Ich wäre nicht erstaunt, wenn sich spätestens morgen der Kreis schließt – und nach den Blogs nun auch die klassischen Medien vom "Bundestrojaner, der auch Handys ausspioniert" schreiben.

Schön, dass mit netzpolitik.org ein Blog Lieferant der ursprünglichen Information war. Ich habe auch Verständnis für den Ärger und Spott darüber, dass nicht alle Medien diese Quelle genannt haben. Dennoch ist dieser Vorgang ein eher negatives Beispiel für den "politischen Einfluss von Blogs" – da hier aus dem Nichts, aus der rein theoretischen Definition eines „informationstechnischen Systems“, der Handy-Bundestrojaner wird.

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Bernhard Jodeleit

arbeitet seit 1994 in Journalismus und PR, ist derzeit spezialisiert auf High-Tech-Themen und Social Media Relations. Seit 4/2010 Standortleiter fischerAppelt, relations in Stuttgart. Auf dieser Website vertretene Meinungen sind persönlich und nicht mit meinem Arbeitgeber abgestimmt.

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