Einiges Echo hat vor wenigen Tagen die inzwischen bereits wieder dementierte Ankündigung gefunden, dass Facebook künftig persönliche Daten registrierter Mitglieder zu Marktforschungszwecken nutzt. Auf der einen Seite ist der Aufschrei verständlich: Wer das derzeit erfolgreichste und weltgrößte SocialNetwork intensiv nutzt und dort jede Menge privater Informationen und Vorlieben bis hin zu Beziehungsstatus, politischer Überzeugung und mehr hinterlegt hat, der mag überrascht und empört sein. Schienen die Daten doch bisher persönlich, kontrollierbar, nur einem erlesenen Kreis persönlicher Kontakte zugänglich.
Mich persönlich überrascht die Entwicklung aus mehreren Gründen überhaupt nicht. Zum einen, weil bekannt ist, dass Social Networks es aufgrund der Klickverhaltens der Nutzer, die sich vom Networking durch Werbebanner nicht so einfach ablenken lassen, mit der Refinanzierung gar nicht so leicht haben, dass im Falle Facebook der Speicherplatz für Fotos und Videos der Mitglieder jährlich -zig Millionen Dollar kostet. Zum anderen aber, weil Facebook selbst und insbesondere manche Programmierer von Fremdanwendungen auf der Plattform sowieso vor allem durch eines glänzten: das Fehlen ausreichender Sensibilität für die Privat- und Intimsphäre seiner Nutzer.
Warum das so ist, möchte ich gern begründen:
1. Privatsphäre bei Facebook ist eine Wissenschaft. “Gute” Social Networks sind mehr oder minder intuitiv sicher bedienbar. Klar ist es immer wieder amüsant und peinlich, wenn, um nur ein Beispiel zu nennen, bei Xing Antworten auf eine öffentliche Termineinladung, die sehr privater Natur sind, öffentlich gepostet werden (“Ja, ich versuche zur Vereinsversammlung zu kommen, wenn sie mir den Abwasch erläßt” -lesbar für Dutzende oder Hunderte statt, wie gedacht, nur für den Einladenden). Doch meist hält sich der Schaden in Grenzen. Bei Facebook aber habe ich den Eindruck – und andere teilen ihn mit mir -, dass regelmäßig nicht verstanden wird, was in welchem Umfang öffentlich wird. Die Kombination aus öffentlicher “Wall” und aus dem ebenso öffentlichen Newsfeed ist fatal. Erst gestern las ich im Newsfeed den Wall-Eintrag einer offensichtlich weniger mit Social Networking im Web vertrauten Dame, die laut eigenem Bekunden nicht wusste, was Xing ist (“Ich lebe wohl hinter dem Mond”). Diese Person schrieb mit großer Offenheit ihrer Bekannten, die ihrerseits sehr onlineaffin ist, öffentlich an die Wall: “Du hast ja unglaublich viele männliche Kontakte hier, da könnte man neidisch werden.”
2. Facebook und Fotoalben – eine heikle Kombination. Sie speichern private Fotos bei Facebook und teilen sie dort mit ihren Freunden? Kein Problem, weil die Fotos dort ja sicher und nur für Ihre Freunde einsehbar sind? Trugschluss: Wenn Sie durch entsprechende Datenschutzeinstellungen nicht eigens vorgesorgt haben, so werden ihre Fotos regelmäßig unfreiwillig ganz schön öffentlich. Wenn ein direkter Facebook-Freund Ihre Schnappschüsse kommentiert, so erhalten dessen direkte Kontakte einen Hinweis darauf – und Zugriff auf das komplette zugrundeliegende Fotoalbum. Also bitte nicht wundern, wenn Ihr Geschäftskollege Sie demnächst auf die eigentlich nur für Ihren engsten Facebook-Freundeskreis bestimmten Urlaubsfotos anspricht.
3. Sie laden keine Fotos hoch? Trotzdem Pech gehabt – Tagging in Facebook macht’s möglich. Schon der Umgang mit selbst hochgeladenen Fotos ist bei Facebook eine Sache für sich. Noch viel unberechenbarer ist aber die Tatsache, dass ein Facebook-Mitglied von anderen auf Bildern eingekreist und markiert, “getaggt” werden kann. Passen Sie also auf, wenn Sie auf Partys unterwegs und nicht mehr gut in Form sind: Der unvorteilhafte Schnappschuss, an den Sie sich selbst vielleicht gar nicht mehr erinnern, wird Ihnen vielleicht schon bald vom Chef serviert. Selbst nicht bei Facebook angemeldet zu sein bringt nicht unbedingt etwas: Die Party People im weltgrößten Social Network sind so fleißige Bilderhochlader, dass auch Web-Abstinenz nicht gegen Präsenz in den Facebook-Bildergalerien schützt. Ein mir bekannter Journalist staunte neulich nicht schlecht, als ihm ein Kollege aus dem PR-Metier von seiner guten Laune auf der Party in Japan berichtete – dem IT-Redakteur war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass ein Kollege die nächtlichen Schnappschüsse bei Facebook hochgeladen hatte. Ungefragt, versteht sich.
4. Facebook schafft Tatsachen und ändert auch nachträglich Einstellungen zur Privatsphäre. Wer bei Facebook Mitglied wird, dort ein persönliches Profil erstellt und Einstellungen zur Privatsphäre definiert, der muss erfahrungsgemäß damit rechnen, dass Facebook nachträglich die Art und Weise ändert, wie es mit persönlichen Daten und der Privatsphäre verfährt. Es gibt offensichtlich keinen Bestandsschutz. So geschehen beispielsweise mit dem öffentlich via Google auffindbaren Facebook-Profil von Mitgliedern. Früher war dort nicht viel mehr zu finden als der Name des jeweiligen Mitglieds und eine zufällige Liste einiger Freunde (die sich, was ebenfalls fragwürdig ist, nach einer Geheim- oder vielmehr Zufallsformel rekrutiert, die nur Facebook bekannt ist). Plötzlich änderte Facebook mit einer Ankündigungsfrist von einigen Wochen den Umgang mit diesem öffentlichen Profil, kündigte an, auch “sites that you are fan of” dort zu listen, also Websites, Produkte usw., die der Facebook-Nutzer irgendwann als cool empfunden und “Become fan of” geklickt hatte. Wer die E-Mail-Ankündigung von Facebook übersah oder dank Spamfilter nicht wahrnahm, der wurde sich der Tatsache im Zweifelsfall erst bewusst, nachdem er von Außenstehenden – die nicht zum Facebook-Freundeskreis gehören und vielleicht nicht einmal Facebook-Mitglieder sind – darauf aufmerksam gemacht wurde – um einmal ein harmloses Beispiel zu wählen: “Was, Du bist also auch Nutella-Fan?”
Nun muss man ja nicht zwingend darauf verzichten, Facebook zu nutzen – aber wenn man es nutzt, so empfiehlt es sich, ein paar Minuten in die zur persönlichen Nutzung passenden Datenschutzeinstellungen zu investieren. Nick O’Neill beschreibt in einem vertiefenden Artikel (englischsprachig) sehr genau, welche Möglichkeiten es gibt – unter anderem:
- Den Fakt, dass andere Facebook-Nutzer Sie auf Fotos und in Videos entdecken und öffentlich kennzeichnen können, können Sie unterbinden. Das funktioniert unter “Einstellungen – Privatsphäre – Profil – Allgemeines”, dort lässt sich dann festlegen (Screenshot), dass Fotos oder Videos, auf denen man markiert ist, nur man selbst sehen darf. Strikt betrachtet sind damit nicht die Fotos gemeint – sondern die Markierungen, also die Zuordnung von Foto zu Person.
- Die Einstellungen zu “Neuigkeiten und Pinnwand” unter Privatsphäre (Screenshot) lassen sich überprüfen, dort kann beispielsweise die Option deaktiviert werden, dass ein “Entfernen des Beziehungsstatus” öffentlich angezeigt wird (“Ich bin jetzt Single”) – sofern man solche Informationen überhaupt Facebook anvertrauen möchte.
- Bedenkenswert ist auch, die Einstellungen zu ändern, die über den Link rechts oben an der eigenen Pinnwand (“Wall”) erreichbar sind, denn dort lässt sich festlegen, wer an selbige schreiben und wer dies lesen darf. Denn immer wieder unterscheiden manche Facebook-Nutzer bewusst oder unbewusst nicht zwischen Wall-Posting und persönlicher Direktnachricht.
- Das eigene Suchprofil aus der Facebook-internen Suche und der Google-Suche entfernen: Ein aus meiner Sicht nicht sonderlich nützlicher Tipp nach dem Motto “Social Networking, aber bitte ohne zuviel Networking”.
- Facebook-Freunde in Listen kategorisieren
- Privatsphäre-Einstellungen pro Fotoabum festlegen
… und einiges mehr ist anpassbar – ich kann das oben erwähnte Posting von Nick sehr zur Lektüre empfehlen. Und habe selbst soeben einige dieser Einstellungen überarbeitet – fühle mich nun ein wenig entspannter bei und mit Facebook.
(Foto zum Thema auf der Homepage: kallejp/photocase.com)