Ein dialogorientierteres Medium als Twitter gibt es kaum – und das ist gut so. Immer wieder habe ich in Beiträgen zum Thema erklärt, warum ich mittlerweile große Stücke auf den Microblogging-Dienst halte. Gerade, dass die Bindungen locker sind, die Schwelle zur Kontaktaufnahme nicht so hoch ist, macht Twitter zu einem optimalen Networking-Tool. Aber: Die Tatsache, dass Dialoge bei Twitter in der Regel öffentlich, für alle Welt nachvollziehbar sind, erfordert eine besondere Sensibilität. Ich bin heute Abend erstmals an einem Punkt angelangt, an dem ich feststellen muss, dass mir manche Dialoge auf Twitter zu laut, anstrengend, ausufernd sind. Etwa so, als ob ich in einem Restaurant oder einer Kneipe säße, ganz egal ob allein, zu zweit oder in einer Runde, mich eigentlich nett unterhalten möchte, jedoch die Dialoge am Nebentisch meine eigenen oder meine potenziellen Gespräche dauerhaft übertönten.
Power-User von Twitter werden jetzt bereits wissen, worauf ich anspiele. Allen anderen, und auch denen, die Twitter nicht wirklich kennen, möchte ich es an dieser Stelle aber ebenfalls zu vermitteln versuchen: In Twitter ist einmal zunächst jede 140-Zeichen-Botschaft öffentlich. Jeder, der möchte, kann verfolgen, was ich dort veröffentliche. Meine ich einen bestimmten anderen Twitter-Nutzer, antworte ich ihm mit einem vorangestellten @Nutzername, gehe somit sicher, dass er meine Antwort gesondert angezeigt bekommt und darauf aufmerksam wird. Aber: Alle anderen Nutzer sehen diese von mir so gekennzeichneten Antworten ebenfalls.
Das ist Sinn der Sache bei Twitter: Kommunikation “many-to-many”. Genau das macht Twitter spannend, verleiht dem 2008 um 700 Prozent gewachsenen Kommunikationsmedium Nr. 1 vieler internetaffiner Menschen den Charakter einer nicht mehr enden wollenden Party. Aber genau hier sind wir an einem Punkt, der den Nutzen von Twitter auch einschränken kann: Es ist ja durchaus interessant, Twitter-Dialoge zwischen zwei oder einigen wenigen Nutzern nachzuvollziehen, zu lesen, dass @eins eine interessante Frage hat, die @zwei überrascht und auf die @drei dann allseits erhellend antwortet.
Das mag alles lesenswert sein. Entwickelt sich nun aber eine rege Diskussion zwischen @eins, @zwei und @drei – so wie man das aus den “Chatrooms” im Web kennt – dann wird’s kurzfristig schon einmal unübersichtlich. Plötzlich liest man nur noch Textfragmente, die sich @eins bis @drei gegenseitig zuwerfen, denn schließlich kommen die Beiträge anderer Twitter-Nutzer im Laufe des Tages dazwischen, und man hat ja nicht permanent Zeit zum Lesen. Man versteht also Bahnhof. Fragt sich nach dem allgemeinen Interesse dieser öffentlichen Textfetzen.
In Ordnung, das gehört dazu, temporär ist das tolerierbar. Aber eine Stufe mehr Geduld braucht man, wenn @eins, @zwei und @drei sich zum eingeschworenen Club entwickeln, der den ganzen Tag lang immer wieder – und stets öffentlich – miteinander kommuniziert, Twitter als verlängerte Kaffeeküche, als einfach zu lauten Stammtisch nutzt. Dann kommt es zu dem oben beschriebenen Effekt: Ich versuche, via Twitter dem zu folgen, das die aktuell zwischen 200 und 300 Menschen so denken, deren Tweets (also 140-Zeichen-Botschaften) ich abonniert habe. Das bedeutet einen reißenden Strom von oft mehr als 1.000 Microblogging-Nachrichten, die ich täglich verfolgen könnte. Und ich will das – ich tu’s freiwillig, mein Zeitmanagement erlaubt das, ich profitiere davon. Solange kein eingeschworener Club seine privaten Gruppendiskussionen komplett öffentlich führt.
Denn dann verstellt mir die Masse dieser Insiderpostings den Blick auf die von mir verfolgte Community, gerade, wenn diese Handvoll Club-Insider eine besonders hohe Frequenz an Tweets hat. Aus meiner Sicht ist dann der Punkt gekommen, meinen eigenen Newsfeed zu bereinigen, den Insider-Club von meinem Radar verschwinden zu lassen. Was schade ist! Denn jeden einzelnen dieser Twitter-Nutzer schätze ich, wollte eigentlich dessen Updates lesen, bin womöglich sogar bewusst in den virtuellen Club vorgedrungen, da sinnvolles Twittern auch darin besteht, die richtigen Puzzlestücke zusammenzusetzen, um aus dem Grundrauschen aus unterschiedlichem Mikro-Netzwerken sinnvolle Dialoge herauszuhören.
Fazit aus meiner Sicht: Twitter ist dialogorientiert, Twitter ist many-to-many. Aber aus meiner Sicht empfiehlt sich beim Twittern auch das Einhalten einer gewissen Lautstärke – dann fällt das Zuhören leichter. Direct Messages, Instant Messaging und Chat-Dienste im Web sind nach wie vor eine ideale Ergänzung, nicht alles muss via Twitter diskutiert werden.