Notizen von Bernhard Jodeleit

Bitte leiser twittern!

Ein dialogorientierteres Medium als Twitter gibt es kaum – und das ist gut so. Immer wieder habe ich in Beiträgen zum Thema erklärt, warum ich mittlerweile große Stücke auf den Microblogging-Dienst halte. Gerade, dass die Bindungen locker sind, die Schwelle zur Kontaktaufnahme nicht so hoch ist, macht Twitter zu einem optimalen Networking-Tool.  Aber: Die Tatsache, dass Dialoge bei Twitter in der Regel öffentlich, für alle Welt nachvollziehbar sind, erfordert eine besondere Sensibilität. Ich bin heute Abend erstmals an einem Punkt angelangt, an dem ich feststellen muss, dass mir manche Dialoge auf Twitter zu laut, anstrengend, ausufernd sind. Etwa so, als ob ich in einem Restaurant oder einer Kneipe säße, ganz egal ob allein, zu zweit oder in einer Runde, mich eigentlich nett unterhalten möchte, jedoch die Dialoge am Nebentisch meine eigenen oder meine potenziellen Gespräche dauerhaft übertönten.

Power-User von Twitter werden jetzt bereits wissen, worauf ich anspiele. Allen anderen, und auch denen, die Twitter nicht wirklich kennen, möchte ich es an dieser Stelle aber ebenfalls zu vermitteln versuchen: In Twitter ist einmal zunächst jede 140-Zeichen-Botschaft öffentlich. Jeder, der möchte, kann verfolgen, was ich dort veröffentliche. Meine ich einen bestimmten anderen Twitter-Nutzer, antworte ich ihm mit einem vorangestellten @Nutzername, gehe somit sicher, dass er meine Antwort gesondert angezeigt bekommt und darauf aufmerksam wird. Aber: Alle anderen Nutzer sehen diese von mir so gekennzeichneten Antworten ebenfalls.

Das ist Sinn der Sache bei Twitter: Kommunikation “many-to-many”. Genau das macht Twitter spannend, verleiht dem 2008 um 700 Prozent gewachsenen Kommunikationsmedium Nr. 1 vieler internetaffiner Menschen den Charakter einer nicht mehr enden wollenden Party. Aber genau hier sind wir an einem Punkt, der den Nutzen von Twitter auch einschränken kann: Es ist ja durchaus interessant, Twitter-Dialoge zwischen zwei oder einigen wenigen Nutzern nachzuvollziehen, zu lesen, dass @eins eine interessante Frage hat, die @zwei überrascht und auf die @drei dann allseits erhellend antwortet.

Das mag alles lesenswert sein. Entwickelt sich nun aber eine rege Diskussion zwischen @eins, @zwei und @drei – so wie man das aus den “Chatrooms” im Web kennt – dann wird’s kurzfristig schon einmal unübersichtlich. Plötzlich liest man nur noch Textfragmente, die sich @eins bis @drei gegenseitig zuwerfen, denn schließlich kommen die Beiträge anderer Twitter-Nutzer im Laufe des Tages dazwischen, und man hat ja nicht permanent Zeit zum Lesen. Man versteht also Bahnhof. Fragt sich nach dem allgemeinen Interesse dieser öffentlichen Textfetzen.

In Ordnung, das gehört dazu, temporär ist das tolerierbar. Aber eine Stufe mehr Geduld braucht man, wenn @eins, @zwei und @drei sich zum eingeschworenen Club entwickeln, der den ganzen Tag lang immer wieder – und stets öffentlich – miteinander kommuniziert, Twitter als verlängerte Kaffeeküche, als einfach zu lauten Stammtisch nutzt. Dann kommt es zu dem oben beschriebenen Effekt: Ich versuche, via Twitter dem zu folgen, das die aktuell zwischen 200 und 300 Menschen so denken, deren Tweets (also 140-Zeichen-Botschaften) ich abonniert habe. Das bedeutet einen reißenden Strom von oft mehr als 1.000 Microblogging-Nachrichten, die ich täglich verfolgen könnte. Und ich will das – ich tu’s freiwillig, mein Zeitmanagement erlaubt das, ich profitiere davon. Solange kein eingeschworener Club seine privaten Gruppendiskussionen komplett öffentlich führt.

Denn dann verstellt mir die Masse dieser Insiderpostings den Blick auf die von mir verfolgte Community, gerade, wenn diese Handvoll Club-Insider eine besonders hohe Frequenz an Tweets hat. Aus meiner Sicht ist dann der Punkt gekommen, meinen eigenen Newsfeed zu bereinigen, den Insider-Club von meinem Radar verschwinden zu lassen. Was schade ist! Denn jeden einzelnen dieser Twitter-Nutzer schätze ich, wollte eigentlich dessen Updates lesen, bin womöglich sogar bewusst in den virtuellen Club vorgedrungen, da sinnvolles Twittern auch darin besteht, die richtigen Puzzlestücke zusammenzusetzen, um aus dem Grundrauschen aus unterschiedlichem Mikro-Netzwerken sinnvolle Dialoge herauszuhören.

Fazit  aus meiner Sicht: Twitter ist dialogorientiert, Twitter ist many-to-many. Aber aus meiner Sicht empfiehlt sich beim Twittern auch das Einhalten einer gewissen Lautstärke – dann fällt das Zuhören leichter. Direct Messages, Instant Messaging und Chat-Dienste im Web sind nach wie vor eine ideale Ergänzung, nicht alles muss via Twitter diskutiert werden.

  • http://blog.sympra.de Veit Mathauer

    Gutes Fazit! Ein paar meiner Gefolgten sind arge Twitter-Krachmacher. Wenn ich ihnen aber meine Gefolgschaft kündigen würde, hätte ich keinen Anlass mehr, mich über sie aufzuregen. Also folge ich ihnen auch weiterhin.

  • http://twitter.com/uknaus/statuses/1139578859 @uknaus

    @off_the_record ja genau! Bitte leiser twittern!! Der @jodeleit hat’s hier schon mal gesagt http://tinyurl.com/bmgw52

  • http://twitter.com/uknaus/statuses/1139578858 @uknaus

    @off_the_record ja genau! Bitte leiser twittern!! Der @jodeleit hat’s hier schon mal gesagt http://tinyurl.com/bmgw52

  • http://twitter.com/uknaus/statuses/1139578858 @uknaus

    @off_the_record ja genau! Bitte leiser twittern!! Der @jodeleit hat’s hier schon mal gesagt http://tinyurl.com/bmgw52

  • http://twitter.com/uknaus/statuses/1139578859 @uknaus

    @off_the_record ja genau! Bitte leiser twittern!! Der @jodeleit hat’s hier schon mal gesagt http://tinyurl.com/bmgw52

  • http://www.signal77.de/ Mario

    Es läuft gerade ein Ansatz, eine Idee, solche Phänomene, hmmm, zu kanalisieren. Ob es ankommt. Weiß ich nicht.

    Die Grundidee ist es, ähnlich von TinyURL oder Twitpic einen Link in Twitter zu präsentieren, mit dem man in einen bestimmten Chatroom landet; alle Follower können per Klick einsteigen und danach munter drauf losquasseln. Darüber hinaus soll die Chat-History weiterhin über diesen Link verfügbar und so nachlesbar sein, wenn gewünscht.

  • http://blog.sympra.de Bernhard Jodeleit

    Klingt gut, wenn es sicher ist! Aber nur, “wenn”. Denn mich schreckt im Moment die Vielfalt von Twitter-Zusatzdiensten, wie Du sie ansprichst, denen ich meine Twitter-Logindaten anvertrauen muss. Dazu kommen weitere Kleinigkeiten in Sachen Datensicherheit – wie: Ich kann einen Tweet nachträglich löschen, aber Suchmaschinen finden und speichern ihn dennoch. Solche Zusatzdienste wie dieser Twitter-Chatroom – wie verhalten die sich in dieser Hinsicht? Weißt Du darüber etwas? Aus all diesen Gründen stehe ich Twitter-Addons, die Twitter-Logindaten verlangen, etwas skeptisch gegenüber, auch wenn sie zum Teil sehr, sehr attraktiv sind wie #peoplebrowsr. (Siehe dazu auch den aktuellen Beitrag hier zum Thema Datensicherheit im Web 2.0)

    Zu allem Überfluss sehe ich im Moment ganz persönlich das Problem: Die Grenzen zwischen überlegter (selbst- oder strategisch marketingorientierter) Kommunikation und “chatten” sind im Social Web fließend. Selbst wenn man ganz klare Grenzen ziehen möchte (“Ich twittere und blogge nur Business-Inhalte”) kommt man, wenn man sich authentisch gibt, schnell an eine Grenze, bei der sich “Chatten”/Plaudern und Business-Kommunikation nicht mehr auseinanderhalten lassen. Klar, man kann unterschiedliche Accounts verwenden, aber: Ist das authentisch? Habe ich dazu (außerhalb eines Kunden-Etats als PR-ler) die Zeit und Muße? Eher nicht!

  • http://www.signal77.de/ Mario

    Letztlich tendiere ich dazu es von Twitter zu lösen. Keine Zugangsdaten von Twitter. Nichts. Nur ein Link (http://twitter.com/home?status=Diskussion ueber lustige Dinge: http://www.ttttchat.xy/h32jvhjds/)

    Allerdings: Das ist eine Idee. Das hier eben war die schriftlichste Fixierung bis jetzt :-)

    Zur Realisierung bräuchte ich noch nen begabten PHP-Artist!