Stell Dir vor, es läuft Social Media Monitoring und keiner schaut hin. Genau so sieht die Realität in vielen Unternehmen aus. Da werden monatlich drei- oder vierstellige Beträge ausgegeben, um auf Basis aufwendigst erstellter Suchprofile Dialoge in Blogs und bei Facebook, Twitter & Co. auszuwerten, und am Ende bleibt doch nur die niederschmetternde Erkenntnis: Daraus machen tun wir eigentlich nichts.
Ich hab’ neulich einmal vor einem Publikum die Probe aufs Exempel gemacht und etwas frech formuliert, dass ich Hunderte PR-Menschen kenne, und dass im Großen und Ganzen keiner dieser Kollegen von sich behaupten kann, dass er Social Media Monitoring zu seiner Zufriedenheit – besser: überhaupt richtig – nutzt. Aus dem Plenum kam keine Gegenrede.
Es ist Fakt: Social Media Monitoring überfordert PR-Verantwortliche mit absoluter Regelmäßigkeit. Obwohl inzwischen selbst die Skeptiker unter den Sprechern einräumen, dass es wichtig ist, die Dialoge und Debatten zu ihren Marken, Produkten, strategischen Zielen und relevanten Themen im Web 2.0 genau zu verfolgen, hat genau dieses so wünschenswerte Monitoring bislang nur pro Forma Einzug in die Pressestellen gehalten. Deutschlands Sprecher hören zu – nach dem Prinzip linkes Ohr, rechtes Ohr. Rein und wieder raus. Systematisches Pseudo-Zuhören.
Warum ist das so? Weil Tools für Social Media Monitoring zu kompliziert sind. Sie entsprechen nicht dem Bedarf von PR-Verantwortlichen, die wenig Zeit haben und sich oft schwer tun, die Relevanz eines Web-2.0-Dialoges richtig einzuschätzen. Weil Anbieter von Social Media Monitoring sich eine Schlacht um Funktionen liefern, die in der Pressestelle schlicht und ergreifend niemand braucht. Weil sie unterschiedliche Zielgruppen mit ein und demselben Produkt glücklich zu machen versuchen: Marktforschung, Marketing und jetzt eben auch PR. Und weil sie oft lieber mit der Brechstange ihre Lösungen verkaufen, die hinterher zum Problem, bestenfalls zum nutzlosen Kostenfaktor werden.
Social Media Monitoring braucht Themenkompetenz im Detail und Kenntnis der Relevanz von Quellen. Es muss tief im Unternehmen verankert werden und ebenso dezentral wie vielfältig erfolgen. Neben dem zentralen Monitoring durch Marketing- und PR-Abteilungen ist der Schlüssel zum Erfolg meines Erachtens die Einführung eines dezentralen Monitoring. Neben den Sprechern und Marketingmenschen sollten auch Fachbereichs-Verantwortliche und Themenexperten in den Unternehmen ein Auge aufs Social Web werfen. Sie sollten dort ihre Spezialthemen permanent im Blick behalten. Am besten nicht mithilfe komplexer Tools mit vielen unnötigen Features, sondern auf Basis ganz simpler Tools.
Es reichen ganz wenige simple Hilfsmittel: Man nehme einen flexibel, am besten webbasierten RSS Reader, konfiguriere sinnvolle Suchabfragen als RSS-Abo und integriere diese in den Reader. Fertig ist das dezentrale Themen-Monitoring für alle Mitarbeiter. Wird dieses dann noch sinnvoll mit dem internen Informationsfluss zwischen Marketing/PR und dem Rest des Unternehmens verknüpft, gewinnt das Unternehmen an Agilität und kann zielsicher integrierte Kommunikation mit Kunden, Fans, Kritikern und anderen Stakeholdern betreiben.
Bei jeder Gelegenheit wird im Moment diskutiert, dass Unternehmen sich darauf einstellen müssen, dass künftig alle Mitarbeiter aktiv nach außen kommunizieren und nicht nur die Abteilungen, die “Kommunikation” auf dem Kärtchen stehen haben. Was dabei viel zu kurz kommt: Voraussetzung, dass dies klappt, ist, dass auch alle Mitarbeiter zuhören.
Den PR-Abteilungen kommt dabei eine wichtige Rolle zu, die sie bislang in den seltensten Fällen aktiv wahrnehmen: Sie sind es, die dazu berufen sind, ihrem Unternehmen das Zuhören in der Breite beizubringen. Mit viel Geduld, der richtigen Auswahl simpler und kostenloser Tools und dem Selbstverständnis, interner Dienstleister zu sein und nicht Gatekeeper sowie Hort des Herrschaftswissens.
