In loser Folge stelle ich in meinem persönlichen Blog Social Networks vor – nach aka-aki ist heute brightkite an der Reihe, was nicht nur alphabetisch ganz gut passt, sondern auch aufgrund der Aktualität: Der Dienst, den ich seit einigen Monaten teste, hat am 3. Dezember 2008 die private beta verlassen und ist nun öffentlich zugänglich. Dennoch sei eines vorausgeschickt: Nach wie vor fühlt man sich in diesem geobasierten Social Network recht einsam. Heute fand ich im 4000-Meter-Radius rund ums Büro bei Sympra, Stuttgart, gerade einmal drei andere Nutzer. Dennoch finde ich das Prinzip von brightkite so interessant, dass ich dieses geobasierte Social Network in nächster Zeit weiter testen werde. Einen ersten Eindruck davon, wie es auf den iPhone funktioniert, vermittelt das Video.
Brightkite for the iPhone from Brightkite on Vimeo.
Brightkite gehört zu einer ganzen Reihe geobasierter Social Networks und funktioniert plattformübergreifend via Webbrowser, SMS oder iPhone-Applikation. Nutzer können von dem Dienst alles erwarten, was ein Social Network bietet – Profile, die Möglichkeit, Notizen und Content wie Fotos zu veröffentlichen, ein Netzwerk mit Kontakten aufzubauen und Kommunikationsberechtigungen plus Datenfreigaben flexibel zu konfigurieren. Zudem existiert beispielsweise eine Schnittstelle zu Twitter; das Finden vorhandener Twitter-Kontakte bei brightkite ist kinderleicht und naturgemäß ohne Eingabe des Twitter-Kennworts möglich.
Was bei brightkite hinzukommt, ist das “Einchecken” an bestimmten Orten: Via iPhone oder auch Webbrowser kann ich brightkite jederzeit mitteilen, wo ich mich gerade aufhalte. Diese Information wird sodann – je nach gewählter Einstellung – aller Welt oder aber lediglich meinen entsprechend autorisierten brightkite-Kontakten mitgeteilt. Entscheide ich mich als Nutzer für einen öffentlichen Checkin, so kann ich die Information beliebig weiterverteilen und dank RSS beispielsweise in meinen FriendFeed integrieren. Sinn und Zweck: die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme.Das mag zunächst bedenklich klingen, kann aber durchaus Sinn ergeben – nicht nur im Umfeld von Messen und Branchenevents, in dem schon heute so mancher Mensch beispielsweise via Xing-Statusmessage postet: “Bin auf der CeBIT.” Anrufe wie “Sind Sie auch auf der Messe?” würden sich erübrigen, hätten geobasierte Social Networks wie brightkite sich bereits durchgesetzt.
Dass selbige ganz besondere Datenschutzprobleme und sicherlich ernstzunehmende Gefahren aufweisen, hat Sebastian Küpers in einem ausführlichen Beitrag bereits Ende Oktober ausführlich beleuchtet. Ich schließe mich den von ihm geäußerten Bedenken grundätzlich an. Immerhin: brightkite bietet fein abstimmbare Einstellungen zur Privatsphäre an. So lässt sich für jeden einzelnen Kontakt definieren, ob er den eigenen Aufenthaltsort exakt abrufen kann oder nur mit verminderter Genauigkeit, also lediglich bis auf Ebene der Stadt und nicht bis zur genauen Anschrift. Bestimmten Orten wiederum lassen sich abweichende Privacy-Settings zuweisen; ich habe heute beispielsweise eingestellt, dass Check-Ins an meiner geschäftlichen Anschrift grundsätzlich öffentlich abrufbar sind. Die Frage ist nur: Behält man als aktiver brightkite-Nutzer im Alltag tatsächlich den Überblick über all die getätigten Einstellungen und ihre potenziellen Auswirkungen?
Sicherlich ist das “Einchecken” an bestimmten Orten und damit die (halb-) öffentliche Bekanntgabe des aktuellen Aufenthaltsortes für den Durchschnittsmenschen nur im Ausnahmefall sinnvoll und wünschenswert. Darauf nimmt brightkite dadurch Rücksicht, dass ein Checkin stets manuell erfolgt. Auch wenn ein Nutzer dem Social Network momentan nicht oder grundsätzlich niemals mitteilt, an welchem Ort er sich gerade befindet, kann er sich dennoch in der – “virtuellen” – Umgebung am jeweiligen Platz umschauen. Handy-Browser oder iPhone-Applikation erlauben es, eingecheckte User an jedem beliebigen Platz weltweit abzufragen und zu kontaktieren. Zudem hat jeder Ort in brightkite einen “Placestream”, also einen Verlauf der Aktivitäten und veröffentlichten Medien. brightkite-Nutzer können sich Fotos und Notizen anschauen, die andere Nutzer dort zuvor hinterlassen haben. So entsteht – entsprechende Nutzerdichte und -frequenz vorausgesetzt – eine digitale Reputation für bestimmte Orte, wie ich sie im Sympra-Blog vor wenigen Tagen in meinem Beitrag “Online-PR: Web meets Reality” beschrieben habe. In fernerer Zukunft kann dies in vielerlei Hinsicht interessant werden – etwa, wenn man sich über einen möglichen Urlaubsort informieren möchte. Man fliegt dann einfach einmal – virtuell – dort vorbei, befragt User, die sich dort aufhalten oder aufgehalten haben, stöbert in hinterlassenen Notizen.
Sehr innovativ und faszinierend: Im November hat brightkite die neue Funktion der “Wall” für beliebige Orte, Nutzer oder Suchbegriffe geschaffen. Wie das funktioniert, soll ein von mir eingerichtetes Beispiel zeigen: Ich habe für unsere Agenturanschrift eine Wall eingerichtet. Jeder, der via brightkite dort vorbeischaut, kann eine Nachricht hinterlassen. Ebenso ist es jederzeit möglich, via SMS eine Nachricht an die Sympra-Wall zu schreiben. Sinn ergibt diese Funktion beispielsweise im Rahmen von Diskussionsveranstaltungen, bei denen die Wall via Beamer oder TFT-Bildschirm gezeigt und wird und als zusätzlicher Rückkanal sowohl für die Anwesenden als auch für Webcast-Zuschauer dient. Ich kenne öffentliche Walls für einen bestimmten Ort beispielsweise von Nokia-Events. Was bisher nur mit erheblichem technischem Aufwand möglich war ermöglicht brightkite nun im Handumdrehen – und ich freue mich bereits auf die nächste Gelegenheit, mit geobasierten Walls bei eigenen Veranstaltungen zu experimentieren. Schön wäre es allerdings, bei solchen öffentlichen Einsätzen eine flexible Moderationsmöglichkeit zu haben…
Wer nach Lektüre dieses Postings in Stirnrunzeln oder Kopfschütteln verfällt sei auf eine Wette eingeladen: Ich gehe fest davon aus, dass die eine oder andere Funktion, die wir heute bereits bei brightkite finden, innerhalb weniger Jahre auch bei den heute marktführenden Social Networks Normalität sein wird. Gerade das Einchecken an einem bestimmten Ort ist aus meiner Sicht beispielsweise durchaus für Business-Netzwerke wie Xing geeignet.
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