Einer der schönsten Aspekte am Bücherschreiben ist, dass es Dialoge anstößt. Die Leser stellen Fragen, haben Anmerkungen, und in jüngster Zeit haben mich auch einige interessante Interviewanfragen erreicht. Und die liefern Inspiration: Ich habe vor, einige immer wieder auftauchende Fragen in nächster Zeit in einer losen Folge von Blogpostings zu beantworten. Subjektiv, aus meiner Perspektive.
Oft gestellt wird die Frage nach dem langfristigen Bestand des aktuellen Social-Media-Trends. Sind Facebook und insbesondere Twitter nur vorübergehende Phänomene oder verändern sie nachhaltig unsere Gesellschaft? Aus meiner Sicht letzteres. Wie die erfolgreichen Plattformen am Ende heißen und ob beispielsweise Twitter sich auf Dauer durchsetzen und Bestand haben wird, ist offen. Fest steht aus meiner Sicht jedoch, dass wir den Zenit beim Wandel hin zu dialogorientierter Kommunikation im Web noch nicht gesehen haben.
Ein zugegebenermaßen banales Indiz sind die aktuellen Wachstumsraten etwa bei Facebook. Social Networking wird im Moment Mainstream. Studien zu Nutzerdemografien und -verhalten, etwa die jährliche ARD-/ZDF-Onlinestudie, machen zudem deutlich, dass die nach 1990 geborene Generation Chats, Bewegtbildinhalte und soziale Netzwerke noch viel intensiver nutzt als Menschen ab 20 Jahren. Ich glaube nicht, dass diese Generation ihre Nutzungsgewohnheiten und ihre 2.0-Affinität mit zunehmendem Alter wieder komplett ablegt.
Zusätzlich befeuert wird der Trend zu Social Networking durch das mobile Internet. Es ist zu beobachten, dass die mobile Nutzung sozialer Netzwerke dem Social Web nochmals zusätzlichen Schub verleiht. Nähebasierte soziale Netzwerke kommen dem gleichen Bedürfnis entgegen, das in der Vergangenheit bereits zum Siegeszug des Mobiltelefons und später der SMS geführt hat: Sie ermöglichen Menschen niederschwellige, asynchrone, unaufdringliche und gegebenenfalls zeitversetzte Kontaktaufnahme. Sie geben Menschen das Gefühl, nicht einsam zu sein – übrigens laut ARD-/ZDF-Onlinestudie eines der Hauptmotive für den TV-Konsum in Deutschland.
Mehr Social Networking – weniger Empathie?
Was bringt der offensichtlich nachhaltige Trend zu Social Media und Social Networking der Gesellschaft? Weder den Bürgerjournalismus noch mehr Mitbestimmung. Auch oder gerade als Mitinitiator der Veranstaltungsreihe „DemokratieZweiNull“ im Jahr 2008 stelle ich fest, dass Politik 2.0 eine Blase war und vielleicht auch niemals so recht marktreif wird, auch wenn ich der Disziplin Digital Public Affairs eine wachsende Bedeutung beimesse. Gleichermaßen zurückhaltend ist aus meiner Sicht die Frage zu beurteilen, ob das Web 2.0 in irgendeiner Form zu mehr Menschlichkeit beitragen kann. Vielleicht ganz im Gegenteil: Forscher beschäftigen sich aktuell mit der Frage, warum die nach 1990 Geborenen offensichtlich weniger Empathie und Mitgefühl an den Tag legen als frühere Generationen. Noch sind die Zusammenhänge nicht erforscht, naturgemäß ist die Erhebung umstritten. Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Gibt es einen Zusammenhang zwischen niederschwelliger 2.0-Kommunikation und nachlassender Empathie? Sind uns Mitmenschen umso gleichgültiger, je permanenter wir über jeden ihrer Schritte informiert werden? Die Forschungsansätze stimmen nachdenklich.
Nutzwert durch Ambient Awareness
Was bringt das Web 2.0 dann dem einzelnen Nutzer? Viele Menschen können mit Twitter nichts anfangen. Diejenigen, die den Dienst permanent nutzen, haben offensichtlich einen Vorteil darin für sich entdeckt. Ich höre oft, dass dieser Vorteil die Schwarmintelligenz ist. Manche nennen es „ambient awareness“. Ich bekomme automatisch mit, was mein relevantes Umfeld bewegt. Das bringt mir einen konkreten Nutzen. Daher liegt es auch nahe, den Schluss zu ziehen: Wer interessante, relevante Inhalte verfasst oder zumindest als erste Person im eigenen Umfeld aufspürt und weitergibt, der dürfte mit seinen Web-2.0-Aktivitäten populärer werden als derjenige, der auf Me-too-Botschaften oder rein selbstreferentielle Inhalte setzt.
Auf dem Weg zum mobilen, semantischen Web
Interessant auch die Frage der Langfristentwicklung. Was kommt nach dem Web 2.0? 2004 durfte ich als Journalist einmal Tim Berners-Lee kennenlernen, der als Vater des Web gilt. Er hatte damals schon eine recht konkrete Vision vom semantischen Web der Zukunft. Auf meine Frage, ob in seiner Vision mobile Endgeräte eine zentrale Rolle bei diesem kontextsensitiven Netz spielen, hat er damals ganz klar bejaht. Meines Erachtens sind wir bereits auf dem besten Weg dorthin. Metadaten und Geoinformationen eröffnen im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken faszinierende neue Anwendungen. Weiteres spannendes Potenzial bieten Sensoren und neue Benutzerschnittstellen – bis hin zu ethisch richtigerweise schon im Vorfeld heftig umstrittenen Implantaten.
Ich freue mich auf Ihre / Eure Meinungen: Wie geht es weiter mit dem Social Web?
Links:
Studie zu Empathie bei der Generation Y
ARD-ZDF-Onlinestudie
Wikipedia: Semantisches Web
