Notizen von Bernhard Jodeleit

Wie geht es weiter mit dem Social Web?

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Rücken wir jetzt alle näher zusammen? Foto: annexb, photocase

Einer der schönsten Aspekte am Bücherschreiben ist, dass es Dialoge anstößt. Die Leser stellen Fragen, haben Anmerkungen, und in jüngster Zeit haben mich auch einige interessante Interviewanfragen erreicht. Und die liefern Inspiration: Ich habe vor, einige immer wieder auftauchende Fragen in nächster Zeit in einer losen Folge von Blogpostings zu beantworten. Subjektiv, aus meiner Perspektive.

Oft gestellt wird die Frage nach dem langfristigen Bestand des aktuellen Social-Media-Trends. Sind Facebook und insbesondere Twitter nur vorübergehende Phänomene oder verändern sie nachhaltig unsere Gesellschaft? Aus meiner Sicht letzteres. Wie die erfolgreichen Plattformen am Ende heißen und ob beispielsweise Twitter sich auf Dauer durchsetzen und Bestand haben wird, ist offen. Fest steht aus meiner Sicht jedoch, dass wir den Zenit beim Wandel hin zu dialogorientierter Kommunikation im Web noch nicht gesehen haben.

Ein zugegebenermaßen banales Indiz sind die aktuellen Wachstumsraten etwa bei Facebook. Social Networking wird im Moment Mainstream. Studien zu Nutzerdemografien und -verhalten, etwa die jährliche ARD-/ZDF-Onlinestudie, machen zudem deutlich, dass die nach 1990 geborene Generation Chats, Bewegtbildinhalte und soziale Netzwerke noch viel intensiver nutzt als Menschen ab 20 Jahren. Ich glaube nicht, dass diese Generation ihre Nutzungsgewohnheiten und ihre 2.0-Affinität mit zunehmendem Alter wieder komplett ablegt.

Zusätzlich befeuert wird der Trend zu Social Networking durch das mobile Internet. Es ist zu beobachten, dass die mobile Nutzung sozialer Netzwerke dem Social Web nochmals zusätzlichen Schub verleiht. Nähebasierte soziale Netzwerke kommen dem gleichen Bedürfnis entgegen, das in der Vergangenheit bereits zum Siegeszug des Mobiltelefons und später der SMS geführt hat: Sie ermöglichen Menschen niederschwellige, asynchrone, unaufdringliche und gegebenenfalls zeitversetzte Kontaktaufnahme. Sie geben Menschen das Gefühl, nicht einsam zu sein – übrigens laut ARD-/ZDF-Onlinestudie eines der Hauptmotive für den TV-Konsum in Deutschland.

Mehr Social Networking – weniger Empathie?

Was bringt der offensichtlich nachhaltige Trend zu Social Media und Social Networking der Gesellschaft? Weder den Bürgerjournalismus noch mehr Mitbestimmung. Auch oder gerade als Mitinitiator der Veranstaltungsreihe „DemokratieZweiNull“ im Jahr 2008 stelle ich fest, dass Politik 2.0 eine Blase war und vielleicht auch niemals so recht marktreif wird, auch wenn ich der Disziplin Digital Public Affairs eine wachsende Bedeutung beimesse. Gleichermaßen zurückhaltend ist aus meiner Sicht die Frage zu beurteilen, ob das Web 2.0 in irgendeiner Form zu mehr Menschlichkeit beitragen kann. Vielleicht ganz im Gegenteil: Forscher beschäftigen sich aktuell mit der Frage, warum die nach 1990 Geborenen offensichtlich weniger Empathie und Mitgefühl an den Tag legen als frühere Generationen. Noch sind die Zusammenhänge nicht erforscht, naturgemäß ist die Erhebung umstritten. Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Gibt es einen Zusammenhang zwischen niederschwelliger 2.0-Kommunikation und nachlassender Empathie? Sind uns Mitmenschen umso gleichgültiger, je permanenter wir über jeden ihrer Schritte informiert werden? Die Forschungsansätze stimmen nachdenklich.

Nutzwert durch Ambient Awareness

Was bringt das Web 2.0 dann dem einzelnen Nutzer? Viele Menschen können mit Twitter nichts anfangen. Diejenigen, die den Dienst permanent nutzen, haben offensichtlich einen Vorteil darin für sich entdeckt. Ich höre oft, dass dieser Vorteil die Schwarmintelligenz ist. Manche nennen es „ambient awareness“. Ich bekomme automatisch mit, was mein relevantes Umfeld bewegt. Das bringt mir einen konkreten Nutzen. Daher liegt es auch nahe, den Schluss zu ziehen: Wer interessante, relevante Inhalte verfasst oder zumindest als erste Person im eigenen Umfeld aufspürt und weitergibt, der dürfte mit seinen Web-2.0-Aktivitäten populärer werden als derjenige, der auf Me-too-Botschaften oder rein selbstreferentielle Inhalte setzt.

Auf dem Weg zum mobilen, semantischen Web

Interessant auch die Frage der Langfristentwicklung. Was kommt nach dem Web 2.0? 2004 durfte ich als Journalist einmal Tim Berners-Lee kennenlernen, der als Vater des Web gilt. Er hatte damals schon eine recht konkrete Vision vom semantischen Web der Zukunft. Auf meine Frage, ob in seiner Vision mobile Endgeräte eine zentrale Rolle bei diesem kontextsensitiven Netz spielen, hat er damals ganz klar bejaht. Meines Erachtens sind wir bereits auf dem besten Weg dorthin. Metadaten und Geoinformationen eröffnen im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken faszinierende neue Anwendungen. Weiteres spannendes Potenzial bieten Sensoren und neue Benutzerschnittstellen – bis hin zu ethisch richtigerweise schon im Vorfeld heftig umstrittenen Implantaten.

Ich freue mich auf Ihre / Eure Meinungen: Wie geht es weiter mit dem Social Web?

Links:

Studie zu Empathie bei der Generation Y
ARD-ZDF-Onlinestudie
Wikipedia: Semantisches Web

  • http://twitter.com/bartlog Heiko Bartlog

    Ich denke, dass es künftig durch die oben skizzierte Kombination des Social Web mit Geodaten zu einer immer stärkeren Verwebung mit dem realen Leben kommen wird. (So weit nichts Neues.) Darüber hinaus gehe ich davon aus, dass neue Social Games (wie fliplife) das “Spielen” mit dem Social Web und dem realen Leben (bspw. für Social Shopping) kombinieren werden und einen starken (sinngebenden) Verbindungscharakter für die Communities haben werden. Ich denke, dass große Plattformen wie Facebook und Twitter einfach aufgrund Ihrer Größe überleben werden und sich als Quasi-Standard etablieren – auf dieser Basis (über APIs) werden Erweiterungen (wie bspw. Social Games) zu einer “Zersplitterung” in klarer abgegrenzten Interessens-Communities führen. Soviel zu meinen persönlichen Zukunftshypothesen ;-) ich bin gespannt!

  • http://twitter.com/SeanKollak Sean Kollak

    Habe zu der Frage nach der Entwicklung des Internets mal Peter Kruse interviewt. http://www.youtube.com/watch?v=VJkKCzLB-z8 Wie immer waren seine Auführungen sehr erhellend.

    Aber vielleicht kommt nach dem Social Web auch das App Web, also das geschlossene Unterhaltungs-Web made by Apple… Ich will’s nicht hoffen.

  • Gernot

    Ich glaube nicht das es zu Zersplitterungen kommen wird. Eher bin ich der Meinung, dass in Zukunft die Angebote vom shoppen über chatten, reisen, spielen, Bildungsangebote u.s.w., sich auf wenige große soziale Communities beschränken wird. Sicher werden sich innerhalb dieser Communities Interessentengruppen bilden, doch alles unter einem Dach. Das erste Beispiel dafür ist gerade in der Entstehung. Mehr dazu auf http://bit.ly/b0tQYz

  • http://achinger.com Till Achinger

    Was die Zukunft des Social Web angeht, gehe ich, ergänzend zu den obigen Punkten, denen ich zustimme, davon aus, dass wir eine weitere Rollenausdifferenzierung und Professionalisierung erleben, einhergehend mit einer technischen und wirtschaftlichen Konvergenz. Erste Symptome sind Investitionen wie die der NYT in Ongo und Personalwechsel zwischen klassischen Medien und “Social” – in beide Richtungen, bspw. Peter Hogenkamp oder Howard Kurtz. Der “Long Tail” wird am oberen wie am unteren Ende wachsen.

    Zur nachlassenden Empathie ist meine persönliche, unbewiesene These, dass es weniger an der permanenten Information / Präsenzawareness liegt, sondern an einer Verschiebung zu mediierter Kommunikation, und innerhalb dieser noch von synchroner Sprachkommunikation zu teils asynchroner Textkommunikation. Bleibt die persönliche Kommunikation aus, blickt man auf das eigene Umfeld durch eine mechanistische Brille.
    Allerdings sollte man (auch) die Risiken des Social Web nicht überschätzen. Laut anderen Studien (die ich dummerweise auf Anhieb nicht finde) ist die Lieblingsbeschäftigung von Jugendlichen immer noch, sich im realen Leben mit Freunden zu treffen. Vielleicht kann die Mobilisierung und Ver-Ortung des Web das unterstützen.

  • http://twitter.com/HerrEgenolf Jo Egenolf

    Der Gedanke, gerade sehr viel Lebenszeit an einen Hype zu verschwenden, auch wenn es ein schöner gewesen sein sollte, treibt mich auch seit geraumer Zeit um.

    Was, wenn die Leute von heute auf morgen einfach keinen Bock mehr auf Facebook haben? Einfach aufhören zu posten und das ganze Ding einschläft? Tun sie das dann aus Desinteresse, weil etwas neues gekommen ist, oder einfach, weil es langweilig geworden ist? Oder wird das (hoffentlich ;-) ) nie passieren und alle bleiben am Ball? Ich würde es mir wünschen, da ich sehr viel Spaß an dieser vernetzten Welt habe.

    Ich denke, dass der Nutzen des social web, die breite Masse der Menschen noch gar nicht erreicht hat.
    Wie cool fand ich es, dass die Verabredung am Wochenende ohne Absprache, nur mit Google-Latitude/4sp/FB-Places funktioniert hat!
    Und wie unendlich nervig fand ich die viertelstündigen Wegbeschreibungen am Handy für alle nicht-Geeks.
    Nur ein kleines, pragmatisches Beispiel aus meinem Alltag mit dem social web, aber eines, dass durchaus potential hat gesellschaftsfähig zu werden.

    Die nach 1990 Geborenen kann ich irgendwie noch nicht so richtig einschätzen. Für sie scheint der Computer schon so normal, dass auch irgendwie die echte Begeisterung flöten zu gehen scheint, jedenfalls bei denen aus meinem direkten Umfeld. Ein Zeichen für den Einzug in das Alltagsleben? Oder fehlt dadurch der letzte Funken Enthusiasmus, der gerade im social web für den Fortbestand sorgt? Immerhin, Fernseher und Radio sind auch nicht wieder abgeschafft worden, nur weil sie jetzt jeder für normal hält, sie hängen aber auch nicht so stark (bzw. überhaupt nicht) von der Partizipation des Einzelnen ab.

    Hier mal eine wilde These: Vielleicht überlebt das social im Unternehmen, das Enterprise 2.0, ja das social web?

    Vielen Dank jedenfalls für den interessanten Artikel!

  • http://kontextschmiede.de Erz

    Danke für die interessanten Anregungen. Mir ist allerdings der Ansatz, das social web als eine black box zu betrachten, als ein eigenständiges, selbstgenügsames Phänomen, in das Input reingeht und aus dem Output wieder rauskommt, ein Dorn im Auge. Alle Medien sind soziale Phänomene, was mit wachsender Reife des Internets neu hinzugekommen ist, sind nur einige Werkzeuge, mit denen Menschen ihren Kommunikationsbedürfnissen einfacher nachkommen können. Das “social web” ist hierbei nur das Überschreiten einer kritischen Masse von neuen Kommunikationsanwendungen der Infrastruktur gewesen, die in ihrer Gesamtheit nun so wichtig waren, dass sie einen Namen verlangten. Web 2.0, Social web, Buzzwords für jene, die sich neue Märkte erschließen möchten. Fraglich ist allerdings, ob wir tatsächlich zurecht viele Anwendungen unter diesem Buzzword zusammenfassen.

    Nehmen wir mal die funktionalen Kriterien der verschiedenen Anwendungen genauer unter die Lupe, erkennen wir deutliche Unterschiede. Der backchannel zum Bespiel, mit dem anders als beim Rundfunk oder bei der Zeitung ein Empfänger direktes Feedback geben kann, fällt je nach Anwendung des “social web” völlig anders aus. In einem Blog können Kommentare gleichberechtigt neben oder unter dem Ausgangstext stehen, der Informationsreichtum eines “like”-Buttons oder ähnlicher Plugins ist jedoch deutlich reduzierter.

    Es könnte also tatsächlich sein, dass die Blase “social web” platzt, wenn genügend Menschen realisieren, dass das social web nur ein Buzzword für die diversen Anwendungen ist, mit denen sich Backchannel oder neue Verbreitungs- und Sendekanäle eröffnen. Diese Anwendungen selbst jedoch werden nicht mehr verschwinden, sie werden nur ständig weiterentwickelt.

  • Weinfurtnerp

    Sehr guter Artikel! Kann in allen Punkten voll zustimmen!

  • http://www.smo14.de Uwe

    Soziale Netzwerke gehören noch längst nicht zum Alltag, doch sie werden sich etablieren. Ein entscheidender Faktor dafür ist sicher die viel beschworene Konvergenz, gerade was die Hardware angeht – Facebook auf dem Handy, auf dem Fernseher, auf dem iPad und dem PC, etc.

    Gehört die Kommunikation über Netzwerke dann zum täglichen Leben wie heutzutage das mobile Telefonieren, werden kleine, intimere Netze neben den großen gebildet. Freunde sammeln reicht ja heute schon nicht mehr, die Menschen legen Wert auf echte Kontakte, die sich auch im realen Leben pflegen lassen. In Zukunft wird das einfacher sein und dadurch zu intensiverer Beziehungspflege führen. Vielleicht ein zu optimistischer Standpunkt, sicher ist aber auf jeden Fall, dass sich die Kommunikation radikal verändern wird – es gibt kein Zurück.

  • Natalja

    Guten Abend Herr Jodeleit,
    bin im Rahmen meiner Projektarbeit im Studium auf Ihr Buch Social Media Relations gestossen und so jetzt auch in Ihrem Blog, vielen herzlichen Dank an dieser Stelle für beides!
    Nun zu ihren Fragen wie es mit dem Social Web weitergeht:
    Ich bin zwar nicht in den 90 Jahren geboren aber in dem 86, wie Sie sehen auch nicht so lange her :)
    Mein Studiengang ist ziemlich “modern” wenn man es so nennen darf und nun beschäftige ich mich beriets zum dritten Mal mit diesem Thema. Ich persölich habe die Erfahrung gemacht, dass man ohne Social Web nicht mehr vorankommt z. Bsp. will ich die aktuellen Informationen über mein Studium erfahren die nicht ganz “offizielen” Charakter haben bin ich auf das Soziale Netzwerk studivz angewisen. Wenn man verstehen will was um einen herum passiert und was mit dem einem oder dem anderen zu tun hat, “muss” man sich mit dem Facebook beschäftigt haben.
    Ich denke auch dass in der Zukunft Social Web zunehmend wächst bzw. nicht mehr wegzudenken wird. Viele der Kommilitonen suchen sich bereits jetzt ein Unternehmen als potenziellen Arbeitgeber zum Teil auch nach solchen Kriterien aus: wie aktiv ist das Unternehmen in diesem Bereich? Es ist gleichbedeutend mit der Innovationsbereitschaft. Es gibt sicherlich den einen oder den anderen der eine andere Meinung vertritt, im Grossen waren wir uns darüber im Seminar einig.
    Mit den besten Grüssen.
    Natalja K.

  • Nicole

    Guten Tag

    Auch ich habe mich während einer Projektarbeit, im Zuge meines Studiums, tiefer mit Social Media befasst. Dabei bin ich vielen interessanten Menschen, Themen und Meinungen begegnet. Unter anderem dem Buch Social Media Realtions und diesem Blog. Beide finde ich wirklich äusserst praktisch und hilfreich. Ich bewege mich auch selber in der vernetzen Welt von Social Media. Für mich ist klar: Niemand wird in Zukunft an sozialen Medien und Networking-Plattformen vorbei kommen.
    Ich bin jedoch auch etwas unsicher geworden und habe mich gefragt ob es sein kann, dass mit der zunehmenden Nutzung von Facebook, Twitter, Xing, GoogleBuzz und Flickr, nicht auch etwas verloren geht. Der zwischenmenschliche Kontakt, sozusagen das “Face-to-Face”. Kann es sein, dass ein paar Kollegen gemeinsam etwas trinken gehen, jedoch jeder alle fünf Minuten mindestens 3Mal auf sein IPhone, HTC Desire, etc. schauen muss, aus Angst auf Facebook oder Twitter etwas zu verpassen? Wie kommt es, dass man einen Menschen im Web so gut kennt, weiss wie er im Chat schreibt, reagiert…beim gemeinsamen Kaffee jedoch da sitzt und sich nichts zu sagen hat, das Gefühl hat den Gegenüber überhaupt nicht zu kennen? Werden sich unsere sozialen Bindungen, Freundschaften etc. in 10 Jahren komplett ins Netz verschoben haben?
    Ganz klar, ich liebe Social Media, die vernetzte Welt, die Schnelligkeit mit der sie sich wandelt, die Möglichkeiten die sich bieten und ich freue mich wahnsinnig auf künftige Wandlungen. Aber ich denke, dass man doch noch immer einen Balanceakt schaffen muss zwischen dem Leben im Netz und der „realen Welt“. Kontakte, die man im Web schliesst, müssen auch ausserhalbt der sozialen Netwerke bestand haben, müssen auch “real” geflegt werden. Gerade junge Menschen ab Jahrgang 90 verlieren manchmal den “realen” Kontakt zu Freunden, treffen sich bloss noch online zum gamen, chatten etc. Dies führt zu einer Vereinsamung, obwohl man sich in einer noch nie dagewesenen Grösse von sozialem Netz bewegt. Dies ist der einzige Grund, weshalb ich ab und zu eine Pause von Social Media einlege. Ein Tag ohne Facebook und Co. und siehe da: Nichts wriklich ungeheuerlich wichtiges verpasst.

    Liebe Grüsse